Infrastrukturschäden durch Baumwurzeln:
Vermeidungsstrategien und Lösungsansätze

Im urbanen Bereich liegen Baumwurzeln und städtische Infrastruktur häufig gefährlich dicht beieinander. Vor allem auf lange Sicht behält die Natur oft die Oberhand und sorgt für Schäden. Diese sollten idealerweise schon vor einer Anpflanzung durch nachhaltiges Bändigen von Wurzeln vermieden werden.

Wurzeln erzeugen vielfältigste Schadbilder

 

Das Sprichwort „Steter Tropfen höhlt den Stein“ dürfte den meisten Menschen bekannt sein. Zwar haben Wassertropfen mit Schäden durch Wurzelwerk nichts zu tun, wohl aber die zeitliche, stete Komponente: Über Jahre hinweg sind gerade Bäume mit ihrem starken, weitreichenden und umfassenden Wurzelwerk dazu in der Lage, vielen infrastrukturellen Anlagen in einer Stadt Schäden zuzufügen.

 

Zu den häufigsten Schadensbildern zählen dabei:

 

  • Belaganhebungen
  • Leitungsdurchbrüche
  • Überwuchs
  • Fundamentschäden

 

Tatsächlich werden selbst Experten immer wieder überrascht, welche Kraft das Wurzelwachstum entwickeln kann. Selbst Frischwasserleitungen wurden schon durchbrochen Für viele Rohrnetz- und Kanalbauer ist eine kräftige, in eine massive Abwasserleitung eingedrungene Wurzel, sogar ein längst alltägliches Bild.

 

Vor einigen Jahren sorgte eine Meldung aus dem niedersächsischen Lingen für Aufsehen. Dort hatten die Wurzeln einer Platane eine Erdgasleitung in einem Wohnviertel durchdrungen, sodass Gas in einen Keller strömte. Rechtzeitiges Handeln konnte Schlimmeres verhindern – im Nachgang wurden fast 300

Die häufigsten Schadensbilder durch Baumwurzeln

 

 

Baumstandorte in der Stadt zeitnah auf ähnliche Risiken untersucht, insgesamt muss Lingen sogar fast 1800 Baumstandorte sichten.

 

Die Gründe für diese Schadensbilder sind fast immer dieselben. Es ist nach Ansicht diverser Experten eine Kombination aus fehlerhafter Planung und notgedrungener Vorgehensweise:

 

  • Die Auswahl des späteren Pflanzenstandortes erfolgte und erfolgt oftmals nicht mit der nötigen Weitsicht hinsichtlich des Wurzelwerks und seines künftigen Wuchses – vor allem, was die Abstände zur Infrastruktur anbelangt. Häufig wird fälschlicherweise angenommen, dass der zur Verfügung gestellte Raum im Untergrund genügen würde.
  • Vor allem in früheren Jahren wurden Bäume vielfach nur nach ihren oberirdischen Qualitäten als Stadtgrün ausgewählt, nicht auch hinsichtlich ihrer Eigenschaften als Flach-, Herz- oder Tiefwurzler. Die Platane beispielsweise war wegen ihrer einzigartigen Rindenstruktur jahrzehntelang einer der beliebtesten Bäume bei Stadtplanern. Heute hingegen ist diese Baumart aufgrund ihres sehr ausbreitungsfreudigen Wurzelwerks berüchtigt – sie hat verschiedenste Kommunalkassen schon hohe zusätzliche Summen für Instandhaltungsmaßnahmen gekostet.
  • Baumwurzeln wachsen auf dem Weg des geringsten Widerstandes. Auch wenn ausgehobene Gruben für die Verlegung von Versorgungsleitungen, den Bau von Straßen und Gehwegen sowie die Installation von Fundamenten wieder sorgfältig verdichtet werden, ist ihre Struktur dennoch vielfach durch nicht passende Materialwahl durchlässiger als diejenige des gewachsenen Bodens. Kommen nicht gänzlich dichte Abwasserleitungen hinzu, die durch ihre Belüftung Sauerstoff in den Untergrund ausgasen, wird das Wurzelwerk teilweise regelrecht angelockt.

 

Ein schwerwiegendes Problem hierbei ist, dass auch sehr gut abgedichtete Infrastrukturen betroffen sein können – dann, wenn die Wurzel zwar nicht eindringt, aber durch ihre Kraft die Installationen zumindest verschiebt.

 

Die meisten Strategien gegen diese Kraft funktionieren am besten im Vorfeld bzw. bei nötigen späteren Eingriffen in die Infrastruktur. Hat ein Baum erst einmal sein Wurzelwerk in den nicht hinreichend präparieren Untergrund ausgebreitet und wurden Schäden entdeckt, bleiben nur wenige Möglichkeiten.

 

Wichtiger Blick auf den Wurzelcharakter der Bäume

 

Dabei sollte die oberste Priorität darin bestehen, Bäume neben ihrer generellen Eignung für die Stadt mit einem gleichwertigen Fokus hinsichtlich ihres Wurzelsystems auszuwählen. Diesbezüglich sollten Flachwurzler kategorisch abgelehnt werden – zumindest an typischen urbanen Standorten, an denen bestenfalls nur wenige Meter vom Baum entfernt Straßen, Gehwege und Untergrundleitungen verlaufen.

 

Hier sind vor allem Tiefwurzler die bessere Wahl; teilweise auch Herzwurzler. Wobei es auf die exakte Gattung und Art des Gewächses ankommt: Nicht jeder Herzwurzler hat einen wirklich schmalen Wurzelballen. Ein Beispiel ist auch hier die Platane.

 

Eine sinnvolle Vorgehensweise erfordert zudem, konsequent auf ausreichend große Abstände zu achten. Da keine gesetzlichen Mindestdistanzen mehr vorgegeben werden, liegt auf einer langfristig denkenden Planung ein besonderes Augenmerk. Hier sollte für jeden Baum vor der Anpflanzung der Rat von botanischen Experten für den tatsächlichen geplanten Standort eingeholt werden. Als grober Näherungspunkt gilt, dass der Außendurchmesser des Stamms nicht näher als 2,5 Meter an der nächsten Versorgungsleitung liegen sollte.

Junger Baum mit Wurzelballen in Jute gewickelt neben Pflanzloch

 

 

Allerdings genügt es in keinem Fall, auf einen an die urbanen Gegebenheiten angepassten Wurzelcharakter zu achten. Dies kann immer nur die Basis sein, damit weitere Maßnahmen besser funktionieren.

 

Beste Bedingungen für das Wurzelwerk schaffen

 

Je besser die Lebensbedingungen für einem Baum an seinem unmittelbaren Standort sind, desto geringer ist seine Neigung, das Wurzelwachstum in weiter entfernte Areale austreiben zu lassen.

 

Das heißt, bei der Gestaltung des Anpflanzloches und der Umgebung steht und fällt bereits die Grundlage für eine effektive Wurzelschadenverhütung. Folgendes ist dabei von zentraler Wichtigkeit:

 

  • Es sollte eine Pflanzgrube mit einem Mindestvolumen von 12 Kubikmetern geben; je mehr Raum, desto besser. Diese Grube sollte ferner mit einem leicht durchwurzelbaren Pflanzsubstrat befüllt werden.
  • Der Baum sollte auf einfachem Wege ausreichend Wasser bekommen. Dies kann durch eine hinreichend große Baumscheibe geschehen, durch Baumschutz-Roste,
  • Bewässerungssysteme sowie Freiflächen in näherer Umgebung. Diese müssen allerdings so gelegen sein, dass sich dorthin ausbreitende Wurzeln keine Beeinträchtigung darstellen.
  • Der unmittelbare Wurzelraum sollte großzügig be- und entlüftet werden, damit Kohlenstoffdioxid ab- und Sauerstoff zugeführt werden kann. Dafür bietet sich unser System HUNO® an, da es in mehreren Varianten eine hochflexible Vorgehensweise gestattet.

Umgestürzter Baum nach einem Sturm

 

 

Sofern die städtische Infrastruktur zumindest in einiger Entfernung liegt, können diese Maßnahmen bereits einen ausreichenden Schutz gewährleisten.

 

Drei verschiedene Arten von Baumwurzeln

 

Infrastruktur konsequent gegen Wurzelschäden schützen

 

Baumwurzeln können auf der Suche nach mehr Sauerstoff, Wasser und Nährstoffen enorme Kräfte entwickeln. Aber sie sind keine völlig unaufhaltsame Kraft. Auch Bäume haben ihre Grenzen.

 

Insbesondere an Standorten, bei denen es nicht möglich ist, dem Wurzelwerk vollkommen optimale Bedingungen zu bieten, sollte deshalb eine zusätzliche Absicherung der Infrastruktur betrieben werden. Die Erfahrung zeigt dabei, dass selbst ein sehr fachgerechter Einbau von Versorgungsleitungen samt einer besonders hochwertigen Abdichtung keinen langfristigen Schutz darstellt. Über größere Zeiträume wirksamer sind folgende Maßnahmen:

 

  • Wenn der Baum in unmittelbarer Nähe zu Fahrbahnen und Gehwegen sitzt, sollte der Bereich um ihn herum vor Wurzelanhebungen geschützt werden. Dafür steht unser Sortiment an Wurzelschutz-Brücken. Sie vermindern die Risiken für Anhebungen und Durchbrüche und nehmen gleichzeitig von oben einwirkende Kräfte auf, sodass das Material der Pflanzgrube nicht verdichtet wird.
  • Versorgungsleitungen sollten direkt durch Mantelrohre geschützt werden. Sie stellen nicht nur eine zusätzliche Armierung der Leitung dar, sondern können je nach Auslegung auch eine nicht gänzlich sorgfältige Abdichtung der Leitungselemente ausgleichen.

Offener Rohrgraben mit Wasserleitung und Schieberkreuz

 

  • Die Gräben für Versorgungsleitungen und ihre unmittelbare Umgebung sollten nach einem Schichtsystem angelegt werden. Der Graben selbst wird mit einem kleinkörnigen Material verfüllt und sorgsam verdichtet. Dadurch gibt es hier nur eine sehr geringe Porenstruktur, die das Durchdringen mit Wurzelwerk effektiv hemmt. Zudem wird auf der, dem Baum zugewandten Seite parallel ein Wurzelgraben eingerichtet. Dieser wird konträr dazu mit einem offenporigen, je nach Aufbau wenig verdichteten Substrat befüllt. Dadurch wird eine gezielte Lenkung der Durchwurzelung angeregt.
  • Der Schutz von Fundamenten und Leitungsgräben, bei denen die zuvor genannten Maßnahmen ausscheiden, sollte durch Wurzelschutzplatten hergestellt werden. Diese haben den Vorteil, dass sie aus verrottungsfesten Materialien bestehen und durch ihre flache Bauweise ohne aufwendige Maßnahmen installiert werden können.

 

Eine Kombination verschiedener Lösungen hat sich nach den bisherigen Erfahrungen als langfristig sicher erwiesen. Das gilt insbesondere dann, wenn sie mit den Maßnahmen aus den vorherigen Kapiteln kombiniert wird.

 

Behebung ist oft nur sehr schwierig und nicht von Dauer

 

Ein weiterer Grund, warum bei der Anpflanzung von Stadtbäumen und der Anlage von Infrastruktur derartiger Aufwand betrieben werden sollte, ist folgender: Hat bereits eine umfassende und unkontrollierte Durchwurzelung des Untergrundes stattgefunden, sind die zur Verfügung stehenden Optionen nur noch limitiert und mitunter gefährlich für den Baum:

 

Nur Wurzelspitzen können ohne stärkere Beeinträchtigungen für den Baum geschnitten werden. Etwa solche, die in eine Leitung eingedrungen sind. Großflächigere Rückschnitte, insbesondere von starken Wurzeln, stellen hingegen häufig eine große Gefahr für den Baum dar. Entweder bedroht die Wegnahme einer solchen Wurzel seine Standfestigkeit oder es wird eine wichtige Lebensader gekappt. In beiden Fällen verbleibt oft nur die Fällung des Baumes. Nicht zuletzt deshalb untersagt die Richtlinie für die Anlage von Straßen (RAS-LP 4) auch in Leitungsgräben den Abschnitt von Wurzeln dicker als 20 Millimeter.

 

Gegen Anhebungen des Untergrundes und somit Straßen und Wegen kann ebenfalls nur wenig getan werden, ohne Wurzelmaterial abzutragen. Meist verschlimmern die Anhebungen sich mit der Zeit noch, da viele Bäume dazu neigen, die hier auftretende erhöhte Druckbelastung durch Ausbildung einer örtlichen Wurzelknolle zu kompensieren. Die einzige anderweitige Methode besteht darin, die Straßen- oder Wegdecke im Gesamten großflächig anzuheben. Gegebenenfalls bei noch flexiblen Wurzeln (Durchmesser größer oder gleich 50mm) unter Ergänzung durch eine Neuverlegung der Wurzel in tiefere Schichten.

Holzfäller beim Einsägen einer Platane

 

 

Insgesamt muss jedoch festgestellt werden, dass Vorsorge und eine langfristig gedachte Planung den mit Abstand wirkungsvollsten und auch günstigsten Schutz gegen Wurzelschäden bieten – egal ob an Rohrleitungen oder Fahrbahnbelägen.

 

Bilder


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