Klimatolerante Bäume für die Zukunft

Die multiplen Ausprägungen des Klimawandels wirken sich auch auf die bestehenden Stadtbegrünungen aus. Vielfach sind neue, resistentere Gewächse hier die langfristig sinnvollste Alternative. Doch sie zu finden, ist kein leichtes Unterfangen.

 

Stadtbäume im Wandel der Zeiten

 

Bäume wurden schon im 17. Jahrhundert als Stilmittel im Städtebau verwendet. Was zunächst nur eine optisch-gestalterische Komponente war, erwies sich im Lauf der Jahrhunderte auch immer stärker als anderweitiger Vorteil. Das Stadtgrün zeigte auch seine Leistungen hinsichtlich Luftreinhaltung, einem verbesserten Mikroklima und einem angenehmeren Lebensraum.

 

Jedoch waren die dafür verwendeten Gewächse immer einer gewissen Zeitgeistigkeit unterworfen. An vorderster Stelle stand meist der Wunsch, dass das Stadtgrün auch ohne umfangreiche und teure Pflege- sowie Bewässerungsmaßnahmen gedeihen konnte.

 

Aus diesem Grund wurden meistens solche Arten gewählt, die in der jeweiligen Region heimisch und dadurch an die klimatischen Bedingungen angepasst waren. Mit dem Aufkommen des motorisierten Verkehrs musste zudem verstärkt auf eine erhöhte Resistenz gegenüber Abgasen geachtet werden; dadurch ergab sich erstmalig eine verstärkte Notwendigkeit zur Anpassung an neue Gegebenheiten.

Baum mit gelben Blättern auf einem Mittelstreifen

 

 

Für den mitteleuropäischen und speziell deutschen Raum kristallisierten sich angesichts dieser Notwendigkeiten einige wenige Baumarten heraus:

 

Die 5 häufigsten Baumarten in Deutschland

 

Dieses Quintett stellt in Deutschland bis heute einen Großteil der typischerweise verwendeten Stadtbäume dar. Auch deshalb, weil diese Gewächse mit den im urbanen Bereich vorhandenen Anpflanz- und Wuchsbedingungen recht gut harmonieren – vor allem mit den selten optimalen Böden sowie den häufig sehr kleinen Baumscheiben.

 

Stadtbäume unter dem Eindruck des Klimawandels

 

Über viele Jahrzehnte erwiesen sich die genannten Baumarten als weitgehend richtige Wahl, sofern bei der Anpflanzung keine groben Fehler begangen wurden. Unter dem Eindruck des menschgemachten Klimawandels verlieren sie und viele andere in der Stadtbegrünung verwendete Arten jedoch immer stärker ihre Vorteile. Die Gründe dafür sind:

 

  • Der seit zirka der Jahrtausendwende vielerorts immer stärker ausgeprägte, generelle Regenmangel. Er sorgt besonders im Stadtbereich für ausnehmend trockene Lebensräume und somit einen höheren Grund-Stress der Bäume.
  • Die häufiger werdenden Hitze- und Dürreperioden im Sommer. Erstere zeichnen sich im urbanen Raum durch den Gebäudebestand und die verminderte Luftdurchmischung häufig dadurch aus, dass die Temperaturen nochmals bis zu 10°C über denen im außerstädtischen Bereich liegen können. Diese Perioden verstärken die Belastungen durch die allgemein größere Trockenheit und können nur durch angepasste Bewässerungssysteme aufgefangen werden.
  • Die durch mildere Winter gestiegenen Schadinsektenpopulationen. Zusammen mit Pilzen und vom Klimawandel begünstigten neu eingewanderten Schädlingsarten treffen sie auf einen durch die anderen Belastungen bereits stark gestressten Baumbestand.

Käfer an einer Baumrinde

 

 

In der Folge sind heute in vielen Kommunen ganze Baumpopulationen bedenklich geschwächt. Schutzmaßnahmen sowie verstärkte Bewässerung werden zwar angewendet, kommen aber bei vielen Bäumen zu spät. Dann bleibt nur noch die Fällung.

 

Einig sind sich Stadtplaner und Politiker deshalb darin, dass Städte ihren Baumbestand verändern müssen, da der Klimawandel im Fortschreiten begriffen ist – selbst, wenn es gelingt, ihn abzuschwächen. Die bestehenden urbanen Bäume werden solchen weichen, die angesichts der Belastungen weniger Probleme haben.

 

Was klimatolerante Stadtbäume leisten müssen

 

Dabei genügt es jedoch nicht, schlicht Gewächse zu wählen, welche in wärmeren, trockeneren Gebieten heimisch sind. Die Stadtbäume der Zukunft müssen auch angesichts der klimatischen Herausforderungen den weiteren Ansprüchen an einen typisch urbanen Park- und Straßenbaum genügen:

 

  • Unter allen Bedingungen eine hohe Resistenz gegen Bruch durch Wind und Niederschläge, um eine Gefährdung des Straßen- sowie Fußgängerverkehrs so gering wie möglich zu halten.
  • Möglichst hohe Lichtdurchlässigkeit der Krone, um die Abschattung der darunterliegenden Ebenen und Gebäudestockwerke in Grenzen zu halten.
  • Ein an den Untergrund und die Bebauung angepasstes Wurzelwerk. Auch hinsichtlich
  • Fahrbahn- und Fußwegerhebungen sowie Rohr- und Leitungsnetzen.
  • Geringe Ansprüche an den Durchmesser der Baumscheibe sowie die Bodenqualität.
  • Hohe Toleranz gegenüber Schädlingen und Abgasen.
  • Möglichst langsamer Wuchs, insbesondere der Krone, damit zwischen nötigen Rückschnittarbeiten möglichst große Zeiträume liegen können.

Aufgebrochener Asphalt durch Baumwurzeln

 

 

Erst wenn diese Notwendigkeiten erfüllt sind, kann der Fokus auf die Ansprüche des Klimawandels gerichtet werden. Das heißt, eine möglichst hohe Resistenz auch gegenüber längerdauernden Trockenperioden und Hitze bei gleichzeitig geringer Anfälligkeit angesichts winterlicher Fröste im Allgemeinen und Spätfrösten im Speziellen.

 

In der Masse dieser Bedingungen sowie ihrer teilweise schwierigen Vereinbarkeit liegt der Grund, warum bis dato breite Diskussionen über mögliche Arten geführt werden.

 

Welche Baumarten die Ansprüche erfüllen könnten

 

Aktuell geht der Stand der Debatte von zirka 100 unterschiedlichen Bäumen aus, die als künftiges Stadtgrün besonders infrage kämen. Sie wurden unter anderem zwischen 2013 und 2016 im Rahmen der Versuchspflanzung „Netzwerk Zukunftsbäume“ an sechs verschiedenen Standorten in Deutschland unter Realbedingungen erprobt.

 

Weitere Studien finden auch aktuell noch statt und werden noch weitere Jahre andauern – vor allem, um langfristige Ergebnisse zu erhalten. Denn die bisherigen Arbeiten bargen auch Überraschungen: Bäume, die eigentlich hervorragend geeignet schienen, erwiesen sich im Praxistest den Anforderungen nicht gewachsen.

 

Tabelle Zukunftsbäume für den urbanen Bereich, GALK

 

Dabei liegt der Fokus aller Erprobungen sowohl auf (seit längerem) hierzulande einheimischen Arten wie solchen, die in wärmeren, trockeneren Gefilden beheimatet sind – mit ersteren als von den meisten Planern und Umweltschützern bevorzugte Option, um die deutsche Fauna nicht mit noch mehr Neophyten anzureichern. Allerdings unterstreichen Experten auch, dass im Zweifelsfall die Resistenz eines Baumes schwerer wiegt als seine Herkunft. Das heißt, im urbanen Raum werden Neophyten eher hingenommen als im ländlichen Bereich, sofern die Gewächse die nötigen anderen Qualitäten mitbringen.

 

Ein weiterer Aspekt sind die Kosten. Selbst bei einem sukzessiven Austausch bestehender Bäume gegen neue Gewächse fallen für die jeweiligen Kommunen hohe Kosten an. Zwar haben diese bei den derzeitigen Studien kaum Gewicht, hier geht es primär um die technische und biologische Eignung; in der Praxis indes werden die Anschaffungskosten der Bäume ebenfalls eine Rolle spielen.

 

Ein wichtiger Grund, warum derzeit so viele Baumarten in der Diskussion stehen, ist zudem die Tatsache, dass sich auch im urbanen Bereich die Standortbedingungen erheblich unterscheiden können. Speziell angesichts der sich aus der geographischen Lage ergebenden Median- und Extremtemperaturen (Sommer und Winter) sowie dem mittleren Niederschlag. Beides kann sich selbst innerhalb Deutschlands von Stadt zu Stadt teils erheblich unterscheiden.

 

Zwar erfordern diese Ansprüche den Test vieler Gewächse, dennoch täuscht die Vielfalt. Tatsächlich lässt sich ein starker Fokus auf einige wenige Familien bzw. Gattungen erkennen. Dies sind:

 

Weitere Baumarten für eine Eignung als Stadtbaum in Deutschland

 

Andere Vertreter spielen nur eine sehr untergeordnete Rolle. Auch was die ursprünglichen Herkunftsgebiete anbelangt, ist die Sachlage sehr eindeutig: Der Balkan, das nördliche Mittelmeer über Anatolien bis zum Kaukasus, Ostasien mit einem Fokus auf Japan, China und Korea, dazu das östliche Nordamerika bis ungefähr zum Mississippi.

 

Hier, so sind sich Klimaexperten einig, finden sich schon seit geraumer Zeit jene klimatischen Bedingungen, die sich in Mitteleuropa jetzt und verstärkt noch in Zukunft einstellen werden. Entsprechend haben daran bereits angepasste Bäume die besten Überlebenschancen.

 

Warum Nadelbäume auch künftig kaum vertreten sein werden

 

Sowohl die typischen Stadtbäume Deutschlands wie diejenigen, die sie in Zukunft ergänzen bzw. ersetzen werden, sind von einer sehr deutlichen Gemeinsamkeit geprägt: Es sind alles Laubbäume; kein einziger Nadelbaum findet sich darunter.

 

Dies ist kein Zufall, denn obwohl es viele Nadelgewächse gibt, die auch mit harten klimatischen Anforderungen bestens umgehen können, haben sie in diesem speziellen Metier untragbare Nachteile:

 

  • Die Äste der meisten Nadelbäume treiben bereits sehr weit unten am Stamm aus und ragen teilweise auch weit nach außen. Das erfordert umfangreichere Rückschnitte, damit Personen- und vor allem Straßenverkehr nicht behindert werden.
  • Die immergrüne Natur dieser Gewächse bedeutet ein im Vergleich zu den meisten Laubbäumen weniger ausgeprägtes Farbspiel zwischen den Jahreszeiten; die Gewächse sind also optisch weniger vielfältig und attraktiv. Ferner lassen Nadelbäume aus demselben Grund im Winterhalbjahr weniger Licht durch.

Schneebedeckte Nadelbäume

 

  • Die dichtbewachsenen Äste können bei entsprechender Witterung große Schneemengen temporär zurückhalten. Durch Windstöße und andere Bewegungen können diese auf einen Schlag herabfallen und beispielsweise Unfälle verursachen. Bei schweren Schneelasten besteht zudem erhöhte Astbruchgefahr.
  • Viele Nadelhölzer tendieren dazu, recht stark zu harzen – mit entsprechenden Gefahren für eine Verunreinigung darunterliegende Dinge, beispielsweise geparkte Fahrzeuge.

 

Zwar sind Nadelbäume dennoch in vielen anderen Nationen ein gängiges Bild, auch im urbanen Bereich. Auch einige hiesige Experten raten dazu, sie in die Überlegungen aufzunehmen; beispielsweise die aus China stammende Himalaya-Zeder. Aktuell gibt es jedoch nur wenige Bestrebungen, diese Gewächse in die offiziellen Empfehlungen zu integrieren. Auch die Zukunft des Stadtgrüns wird vermutlich weitgehend den Laubgewächsen gehören – zumindest allerdings gegenüber dem Klimawandel resistenteren Exemplaren.

 

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