Stadtbäume aus gestalterischer Sicht

Die optische Komponente des Stadtgrüns stellt seine älteste und gleichsam bedeutsamste Daseinsberechtigung dar. Dabei müssen Bäume sich jedoch als Teil eines größeren Gestaltungskonzepts einfügen, damit sie keinen optischen Bruch in der gesamtkonzeptionellen Harmonie der Stadtplanung darstellen. Eine Herausforderung.

Stadtbäume: Optische Highlights mit Mehrwert

 

Der Mensch kommt aus der Natur und fühlt sich meist auch umgeben von Natur am wohlsten. Das gilt auch in Städten, gerade wegen ihrer umfangreichen Bebauung und dem somit starken Kontrast zum ländlich-natürlichen Leben.

 

Lange Zeit war diese psychologische Tatsache nicht bekannt. Stadtbegrünungen wurden außerhalb herrschaftlicher Parks und Prunkanlagen nur sporadisch eingesetzt. Im Vordergrund stand dabei häufig der zierende Selbstzweck oder das attraktive Zurschaustellen einzelner Gewächse – weniger die optische Natürlichkeit. Teils war dies in ganz nüchternen, praktischen Erwägungen begründet: Napoleons großmaßstäbliche Anlage von Alleen beispielsweise, damit seine Truppen im Schatten marschieren konnten.

 

Ihren Höhepunkt erfuhr diese urbane Naturferne in den Arbeiterquartieren zum Ende des 19. Jahrhunderts. Hier gab es vielfach keinerlei Stadtgrün – erst später verstand man, dass dessen Abwesenheit einen Teil zu den allgemein schlechten Lebensbedingungen beitrug. Auch der Wiederaufbau von Städten und Gemeinden nach dem Zweiten Weltkrieg ließ durch die drängende Wohnungsnot vielfach nur wenig Raum, um nicht nur ein praktisches, sondern naturnäheres Lebensumfeld entstehen zu lassen.

Blick durch Baumkronen auf ein Hochhaus

 

 

Schon früh forderten Einzelne ein massives Umdenken. Die ab 1898 ersonnenen Gartenstadt-Konzepte, wie dem Dresdner Stadtteil Hellerau stellten als Gegenentwurf die Maximalumsetzung des Wunsches nach einer naturnahen Stadtplanung dar. Sie scheitern in der Praxis allerdings häufig an einem zu hohen Platzbedarf.

 

Doch erst in den vergangenen Jahrzehnten befassten sich mehrere wissenschaftliche Disziplinen eingehender damit, welchen Stellenwert natürliche Aspekte für das urbane Wohlbefinden und die Anmutung eines Wohnquartiers haben.

 

Heute ist es deshalb unter Stadtplanern und Entscheidern unbestrittener Konsens, dass urbane Räume so natürlich wie möglich sein sollen – unter Berücksichtigung des eingeschränkten Flächenangebots. Dabei spielen mehrere Faktoren eine weitgehend gleichberechtigte Rolle:

 

  • Jede einzelne Pflanze lässt ihre Umgebung weniger technisch, weniger nüchtern-urban wirken.
  • Jedes Gewächs stellt für sich eine optische Zierde dar, ebenso wie jedes andere gestalterische Element.
  • Das geschickte Auswählen und Kombinieren mehrerer Gewächse kann in Verbindung mit einer angepassten Bebauung den Charakter eines Viertels entscheidend natürlicher wirken lassen – auch wenn hier vielleicht mehrere tausend Menschen pro Quadratkilometer leben.
  • Das Stadtgrün senkt in seiner Eigenschaft als Klimaregulator die typischerweise höheren Sommertemperaturen im urbanen Raum. Es fungiert ferner als Schadstofffilter und Schattenspender.

 

Dabei genügt es jedoch bei Weitem nicht, in einer Stadt möglichst viele Bäume zu pflanzen. So, wie das Stadtgrün für sich ein Gesamtkonzept vieler Pflanzen und Arten darstellt, muss es sich auch in die darüberstehenden Anforderungen eingliedern.

 

Praktische Erfordernisse als oberste Entscheidungsgrundlage

 

Ahorn, Eiche, Linde, Platane und Rosskastanie stellen in Deutschland den Großteil der urbanen Bäume. Das hat seinen Grund: Denn das wichtigste Kriterium, noch vor der gestalterischen Komponente, sind praktische Notwendigkeiten. Ein Stadtbaum muss mehrere Faktoren erfüllen:

 

  • Möglichst günstig in der Anschaffung.
  • Geringe Ansprüche hinsichtlich Bewässerung und Nährstoffversorgung.
  • Unempfindlichkeit gegenüber Schadstoffen.
  • Breites klimatisches Spektrum zwischen Winterfrösten und sommerlichen Hitzeperioden.
  • Keine erhöhte Gefährdung bzw. Beeinträchtigung von Architektur, Verkehr und Einwohnern.

Parkende Autos entlang einer Baumallee

 

 

Erst wenn ein Baum diese Faktoren erfüllt, kommt er grundsätzlich als universeller Stadtbaum infrage – lediglich bei prominenten Einzelgewächsen können einzelne Punkte vernachlässigt werden.

 

Bäume müssen sich optisch an vorhandene Baustile anpassen

 

Bei der Neuanlage von Wohnvierteln erfolgen architektonische und begrünende Planungsarbeiten Hand in Hand. Hier herrscht deshalb mehr Freiheit bei der Auswahl potenzieller Gewächse.

 

In bestehenden Vierteln jedoch muss die Anmutung von Stadtbäumen den baulichen Gegebenheiten entsprechen:

 

  • Die Abstände der Häuserfronten zur Straße sowie die generelle Breite von Straßen (bei bepflanzten Mittelstreifen), wodurch vor allem der Kronendurchmesser limitiert wird.
  • Die typische Höhe der Gebäude sowie ihrer Stockwerke – auch, damit tiefere Lagen nicht ständig abgeschattet werden. Hier muss zudem die allgemeine Sonnenbestrahlung eines Quartiers durch Bebauung und Himmelsrichtung einkalkuliert werden.

 

Ferner spielt die architektonische Anmutung der Bebauung eine nicht zu vernachlässigende Rolle. In einer Straße mit Gründerzeitvillen muss mit Hinblick auf ein stimmiges Gesamtkonzept anders begrünt werden als in einer Straße voller sehr moderner Häuser. In einem Kontext mit Bauten mit besonderer architektonischer oder anderweitig repräsentativer Bedeutung müssen die Bäume optisch zurückhaltender sein als vor schlichten Wohngebäuden.

 

Gestaltungsfaktoren mit Bäumen

 

Der Wuchs muss den örtlichen Anforderungen entsprechen

 

Ein in einem städtischen Park oder in freier Natur gepflanzter Baum muss nur wenig Rücksicht auf das unmittelbare Umfeld nehmen. Bei einem typischen Straßenbaum in unmittelbarer Nähe zu Gebäuden, zu Gehsteigen, Verkehrsachsen und Parkplätzen hingegen müssen all diese Faktoren in besonderem Maße berücksichtigt werden.

 

Geschieht dies nicht oder nur unzureichend, werden die positiven Aspekte eines Baumes von negativen Komponenten überlagert. Der Baum wird zum Hindernis, zum Störfaktor. Damit das nicht geschieht, muss auch der individuelle Wuchs Beachtung finden.

 

  • Das Höhenwachstum sollte relativ schnell erfolgen, damit schon nach wenigen Jahren ein Allee-artiger Charakter entsteht. Gleichzeitig sollte jedoch vor allem das Breitenwachstum eher langsam erfolgen, damit Rückschnitte zur Vermeidung von Beeinträchtigungen des Verkehrs (insbesondere hohe Fahrzeuge) und von Gebäuden in größeren Abständen erfolgen können. Auch muss unter diesem Aspekt das maximale Höhenwachstum eines Baumes berücksichtigt werden: Durch die typischerweise eher schlechten Untergrund- und Wuchsbedingungen werden viele städtische Bäume nicht so hoch wie Exemplare im Freiland. Hier müssen im Vorfeld Vergleiche getätigt werden.

 

Parkweg mit Bäumen vor Gründerzeitvilla

 

  • Der Baum muss eine hohe Schnittverträglichkeit aufweisen. Gelegentliche Rückschnitte sind selbst bei langsamem Wuchs unumgänglich, dürfen aber keinesfalls zur Schädigung des ganzen Baumes führen.
  • Das Wurzelwerk sollte möglichst nicht flach und breit wachsen. Erstens, um keine Anhebungen von Fahrbahnen und Gehwegen zu verursachen; zweitens, um die dicht unter der Oberfläche liegenden Versorgungsleitungen nicht zu gefährden; drittens, um bei Trockenheit tiefere, feuchtere Bodenschichten erreichen zu können.
  • In Straßen mit hohem Fußgängeraufkommen sollte die Krone möglichst dicht sein und an die der beiden nächsten Bäume anstoßen, um einen Schutz gegen Regen und Wind zu gewährleisten.

 

Aus den gleichen Gründen werden typischerweise auch solche Bäume bevorzugt, die nach dem klassischen Schema eines hohen Einzelstamms mit in mehreren Metern Höhe ansetzender Krone aufgebaut sind – zumindest im innerstädtischen Bereich.

 

Bäume als identitätsstiftendes Element

 

Bei der Platane ist es neben ihrer generellen Eignung als Stadtbaum vor allem der Stamm, der ein dekoratives Bild abgibt. Seine Borke wird regelmäßig erneuert und löst sich dabei immer wieder fleckenartig ab.

 

Dadurch entsteht ein vielfarbiges, unregelmäßiges und sich ständig wandelndes Muster – eine echte optische Bereicherung, auch wenn Platanen aufgrund ihrer flachen, zu großer Ausbreitung neigenden Wurzeln bei vielen Stadtplanern nicht mehr sonderlich beliebt sind.

 

Ein besonderer Baum an exponierter Stelle als Solitär; eine geometrische Anordnung, um einen Platz visuell zu gliedern oder auch eine außergewöhnliche Färbung der Blätter und Blüten kann als identitätsstiftendes Element für die urbane Umgebung eingesetzt werden.

 

Was die generelle Tendenz zu Laubbäumen anbelangt, handelt es sich zunächst um eine weitgehend deutsche Eigenheit. In vielen anderen Nationen gehören auch Nadelhölzer zum typischen Stadtbild dazu. Einen großen Vorteil haben Laubbäume jedoch: ihr Blattwerk.

Kirschblüte in der Innenstadt von Bonn

 

  • Die Blätter ändern im Jahresverlauf ständig ihre Farbe. Schon zwischen Frühjahr und
  • Sommer wechselt der Grünton bei vielen Gattungen deutlich sichtbar. Zudem wandelt sich die Optik im Herbst zu attraktiven Rot-, Gelb- und Goldtönen. Teils kommt im Frühling auch noch ein hochattraktives Blütenbild hinzu.
  • Die Blattform ist zwischen den Laubbaumarten deutlich differenzierter ausgeprägt, als es bei Nadelbäumen der Fall ist – speziell für das Auge weniger geschulter Betrachter.

 

Zwar werfen Laubbäume im Herbst ihre Blätter ab und tragen deshalb zu einem erhöhten Pflegeaufwand bei. Auch wird ihre winterlich kahle Optik von vielen als weniger ansprechend angesehen. Dafür haben städtische Laubgewächse aber in dieser Jahreszeit zwei deutlich praktische Vorteile:

 

  1.  Mangels Blätter besteht keine Gefahr, dass sich auf den Ästen größere Schneemengen ansammeln, die durch Windeinwirkung oder Astbruch zur herabfallenden Gefahr werden könnten.
  2.  Die Bäume lassen während der „dunklen Monate“ mehr Tageslicht in die Fenster der angrenzenden Gebäude.

 

Ferner sind Laubbäume auch, bei ansonsten gleichen Voraussetzungen, durchsetzungsstärker als Nadelbäume.

 

Die weitere Stadtbegrünung muss ebenfalls beachtet werden

 

Stadtgrün besteht nicht nur aus Bäumen. Gerade unter Berücksichtigung der umfassenden Erkenntnisse der jüngeren Vergangenheit hat sich das Denken deshalb weit mehr zu einem ganzheitlichen Ansatz verlagert: Bäume als wichtiger, vielleicht sogar zentraler Baustein im Stadtgrün, aber keinesfalls der einzige von Bedeutung.

 

In diesem Sinne muss zumindest bei der Neupflanzung auch beachtet werden, wie Bäume sich auf die bestehende und künftige anderweitige Begrünung auswirken werden – da Bäume hier hinsichtlich Nährstoff- und Wasserbedarf, biologischer Konkurrenz und Abschattung die größte Rolle spielen.

 

Das heißt also, dass Stadtbäume niemals aus einer rein gestalterischen, das heißt optischen Sicht betrachtet werden können. Für möglichst grüne, natürliche Städte ist es nötig, dass jeder einzelne Baum als Mosaikstein angesehen wird, der sich in die zahllosen anderen Details des Stadtgrüns und der Bebauung einfügen muss. Erst dann kann der Stadtbaum all seine Vorteile ausspielen, ohne dass die Nachteile überwiegen.

Frühlingsblumen zwischen Baumallee in einem Park

 

 

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