Urbanes Grün: Oase in der Stadt

Raus ins Grüne! Für viele Menschen ist das nach wie vor das Motto, um sich in der Freizeit vom Alltag zu erholen. In der Stadt fällt es bisweilen schwer, das entspannende Grün zu finden. Dabei ist es für das Wohlergehen ein überaus wichtiger Faktor.

Zwei Menschen sitzen auf einer Parkwiese vor Großstadtkulisse
 

Stadtgrün ist für die Menschen da

Begrünung im urbanen Kontext hat stark an Bedeutung gewonnen. Das hat nicht zuletzt mit den spürbaren Folgen des Klimawandels zu tun, die in den Städten durch Bodenversiegelung und dichte Bebauung noch verstärkt werden. Bepflanzungen gelten als wichtiger Beitrag für einen natürlichen – oder zumindest naturnahen – Klimaschutz. Dass auf diese Weise gleichzeitig die Artenvielfalt gefördert werden kann, macht das Stadtgrün umso wertvoller.

 

Als Gegengewicht zur bebauten Umgebung kommt Grünflächen in der Stadt aber nicht allein eine ökologische Bedeutung zu. Denn sie stellen außerdem genau den Ausgleich dar, den viele Menschen ansonsten nach dem Motto „Raus ins Grüne“ außerhalb der Städte suchen.

 

Dabei hat Stadtgrün in all seinen Formen und Ausprägungen ein großes Potenzial, ein Erholungsort für gestresste Stadtmenschen zu sein – als eine Oase in der Stadt.

 

 

„Sehnsuchtsort“ urbanes Grün

Tatsächlich hat eine repräsentative forsa-Umfrage im Februar 2021 herausgestellt: Für die Menschen in den Städten ist die Bedeutung von öffentlichen Grünanlagen, Parks und begrünten Aufenthaltsflächen weiter gewachsen. Denn sie sind ein zentraler Faktor für das Wohlbefinden:

 

  • Laut Umfrageergebnissen fühlt sich der Großteil der Befragten in grünen Innenstädten wohler – 92 Prozent der Studienteilnehmer sind der Meinung, dass mehr Grün in der Stadt zu mehr Aufenthaltsqualität führt.
  • Mit 70 Prozent der Befragten gab ein ebenfalls sehr großer Teil an, dass Stadtgrün zu einem längeren Verweilen einlädt. Vor allem jüngere Menschen zieht ein grüner urbaner Raum an.

 

Entsprechend groß ist daher die Zahl derer, die vorhandene Grünanlagen regelmäßig nutzen. Vor allem für Familien mit Kindern sind solche Angebote wichtig.

 

Grafik zur forsa-Umfrage – So attraktiv sind begrünte Städte
 

Umso gravierender sind daher die Eindrücke, die im Rahmen der forsa-Umfrage ebenfalls erfasst wurden: Der Zustand der Anlagen sei verbesserungswürdig. Überhaupt fehle es an vielen Stellen an Stadtgrün oder es ist nicht in ausreichendem Maß vorhanden. Als „Sehnsuchtsort“ für viele Stadtmenschen können Grünanlagen die Erwartungen also häufig leider nicht erfüllen.

 

Warum urbanes Grün für die Menschen so wichtig ist

Der Handlungsbedarf bei der städtischen Begrünung steht aber nicht nur im Zusammenhang mit der Attraktivität der Innenstädte. Diese gewinnen ohne Frage an Aufenthaltsqualität, wenn sie neben den üblichen Shopping-Möglichkeiten auch lebendiges Grün vorweisen können.

 

Grünere Städte tragen aber weit darüber hinaus zum Wohlbefinden ihrer Bewohner bei: physisch, psychisch und auf der sozialen Ebene. Denn Grünflächen sind Erholungs-, Bewegungs-, Begegnungs- und Freiraum gleichermaßen.

 

Spaziergänger auf einer Promenade zwischen Bäumen
 

Gut für die Gesundheit

Sofern sie über eine ausreichende Größe verfügen, werden urbane Grünanlagen gerne als Erholungs- und Sporträume genutzt. Sie bieten Gelegenheit für die Bewegung, die vielen Menschen im beruflichen Alltag fehlt. Damit hilft urbanes Grün dabei, verbreitete gesundheitliche Risiken – vor allem Herz-Kreislauferkrankungen oder Übergewicht – zu reduzieren.

 

Überhaupt leisten städtische Grünanlagen sehr viel für die Gesundheit der Stadtbewohner:

 

  • Für das Immunsystem haben Parks und Grünflächen eine ähnliche Bedeutung wie regelmäßige Aufenthalte in der Natur – sie unterstützen also eine Stärkung der körpereigenen Abwehr.
  • Sie filtern Feinstaub und verbessern damit die Luftqualität. Außerdem wirken sie als natürlicher Lärmschutz, zum Beispiel gegen Verkehrslärm.
  • Sie lindern Stresssymptome und verbessern die Konzentrationsfähigkeit. Insgesamt leisten sie einen wichtigen Beitrag zum psychischen Wohlbefinden.

 

Stadtbäume gegen Depressionen?

Forscher des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ), des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), der Universität Leipzig (UL) und der Friedrich-Schiller-Universität Jena sind der Frage nachgegangen, ob Bäume in städtischen Wohngebieten dabei helfen können, psychische Krankheiten einzudämmen.

Die Untersuchungen haben gezeigt: Finden sich in der unmittelbaren Umgebung des Wohnorts (in weniger als 100 Metern Entfernung) Bäume, werden weniger häufig Antidepressiva verschrieben. Die Ergebnisse deuten nach Aussagen der Autoren darauf hin, dass Stadtgrün auch bei Depressionen eine positive Wirkung haben könnten.

 

Gut für das Miteinander

 

Urbane Grünflächen haben aber nicht nur einen individuellen Nutzen für die Menschen. Sie haben eine soziale Funktion, weil sie Raum für Begegnungen bieten. In Parks und anderen grünen Freiräumen treffen sich Leute unterschiedlicher Altersgruppen und mit verschiedenen Bedürfnissen und Interessen:

 

  • Für Kinder stellen sie eine Gelegenheit dar, Natur in der Stadt zu erfahren und mit anderen zusammen zu entdecken.
  • Jugendliche und Erwachsene finden hier Treffpunkte und Möglichkeiten, gemeinsamen Interessen nachzugehen – Sport, Spiel oder einfach nur Zeit miteinander zu verbringen.

 

Anders als im ländlichen Raum, wo private Grünflächen (also vor allem Gärten) meist noch zur Verfügung stehen, fehlen diese in der Stadt in der Regel. Urbanes Grün ist deshalb ein zentrales Element, um wichtige soziale Funktionen überhaupt möglich zu machen.

 

Die verbindende Wirkung beschränkt sich dabei im Übrigen nicht allein auf die zwischenmenschliche Ebene. Attraktive, weil begrünte Innenstädte, verstärken außerdem die Identifikation mit dem Wohn- und Lebensumfeld. Wenn sich die Menschen in ihrer Umgebung wohlfühlen, sind sie eher bereit, sich für diese einzusetzen – und die Lebensqualität dadurch weiter für alle zu verbessern.

 

Öffentlicher Park in Toulouse an der Garonne
 

Von der tristen Betonlandschaft zur urbanen Oase

Der Bedarf nach städtischem Grün ist in jedem Fall vorhanden, wie die bereits erwähnte forsa-Umfrage deutlich macht. Aber es bestehen nach wie vor Defizite, wenn es um derartige Angebote geht.

 

Dabei ist es nicht zwingend notwendig, Stadtraum vollständig in weitläufige Parklandschaften umzuwandeln – das fehlende Platzangebot macht solche Unterfangen häufig nahezu unmöglich.

 

Daher geht es vor allem darum, möglichst vielfältige Wege zu finden, um Stadtgrün sinnvoll in das urbane Umfeld zu integrieren. Denn ihre gesundheitlichen, gesellschaftlichen und ökologischen Wirkungen können Pflanzungen in der Stadt auf unterschiedliche Weise entfalten. Das Ziel ist nicht die eine grüne Oase in der Innenstadt – sondern eine Vielzahl solcher Oasen, die am besten miteinander verbunden sind.

Flexible, individuelle und vielfältige Lösungen

Die Herausforderungen für eine verbundene grüne Infrastruktur sind allerdings groß. Zum einen bestehen – etwa je nach Alter der Bewohner – deutliche Unterschiede, wenn es um die Gestaltung und vor allem die Nutzungsmöglichkeiten von Grünflächen geht. Während manche im Grünen ihre Erholung suchen, wünschen sich andere mehr Platz für sportliche Aktivitäten.

 

Neben diesen unterschiedlichen Bedürfnissen und Erwartungen spielen außerdem die Voraussetzungen vor Ort eine zentrale Rolle. Denn sie bestimmen weitgehend, welche Optionen für die Gestaltung der grünen Oasen überhaupt bestehen. Für die Planung und Umsetzung sind deshalb folgende Fragen relevant:

 

Grünfläche mit Teich in einem Hamburger Wohngebiet

 

 

 

 

 

 

Welche Maßnahmen sind überhaupt möglich?

Neue, großflächige Grünanlagen in Städten anzulegen, scheitert in der Regel am fehlenden Platz. Auch für Neupflanzungen sind die Bedingungen etwa wegen stark verdichteter Böden schwierig. Mit geeigneten Mitteln lassen sich dennoch grüne Akzente setzen:

 

  • Bei der Neugestaltung der Kölner Altstadt kommen mobile Pflanzbehälter aus der Serie „Arbitan“ zum Einsatz. Die Vorteile dieser Lösung: Es sind dann keine Bodenarbeiten notwendig, die Behälter können bei Bedarf an anderer Stelle platziert werden und dank ihrer Größe ist eine vielfältige Bepflanzung bis hin zu kleineren Bäumen möglich.
  • Für die Umgestaltung des Bocholter Neutorplatzes waren schon bei der Konzeptionierung Freiflächen mit Bepflanzung vorgesehen. Um Aufenthaltsqualität und Zugänglichkeit des Platzes optimal miteinander zu verbinden, wurden unter anderem neue Bäume in die Umgebung integriert. Spezielle Wurzelschutz-Brücken sorgen dabei für verbesserte Wuchsbedingungen.

 

Solche und viele andere Projekte zeigen, dass die technischen und planerischen Mittel für eine lokal angepasste Begrünung von Stadträumen in jedem Fall vorhanden sind.

 

Welche Begrünungsmaßnahmen sind sinnvoll? Welchen Aufwand bedeuten sie?

 

Weitere Vorteile der oben vorgestellten Lösungen: Sie sind praktikabel und erfordern einen vergleichsweise geringen Pflegeaufwand. Das Anlegen und Erhalten von Stadtgrün ist schließlich auch ein wirtschaftlicher Faktor, der berücksichtigt werden muss: Zeit- und Personalaufwand, Bewässerung, saisonale Neupflanzungen in Beeten oder Kübeln – für die Kommunen entstehen an vielen Stellen Kosten.

 

Wie sich diese zum potenziellen Nutzen verhalten, kann aber bereits in der Planung einkalkuliert werden. Etwa bei den immer beliebteren Fassadenbegrünungen:

 

  • Die Vorteile liegen in der gesteigerten Aufenthaltsqualität, der ökologischen Wirkung (mehr Artenvielfalt, weniger Lärm, Kühlungseffekt für die Umgebung etc.) sowie Einsparungen für die Eigentümer durch natürliche Dämmeffekte.
  • Die Kosten – für den Bau und die erforderliche Pflege – hängt unter anderem von den gewählten Systemen und der Art der Bepflanzung ab.
  • Bodengebundene Fassadenbegrünung (etwa in Form von Wildem Wein, Efeu oder ähnlichen Kletterpflanzen) ist die günstige Variante, während wandgebundene Systeme erhebliche Mehrkosten für den Bau erfordern. Sie sind allerdings – gerade bei Neubauten – immer noch kostengünstiger als moderne Sichtfassaden aus Naturstein oder Metall.
  • Darüber hinaus bedeuten Extensiv- und Intensivbegrünungen einen unterschiedlichen Pflegeaufwand. Während für extensive Anlagen vornehmlich Pflanzen verwendet werden, die nahezu ohne Bewässerung oder sonstige Zuwendung auskommen, müssen Intensivsysteme regelmäßig gepflegt und bewässert werden.

 

 

Das Thema Fassadenbegrünung zeigt aber auch, dass durchweg verschiedene Lösungsansätze für Stadtgrün vorhanden sind. Die Hainbuchen-Installation des Kö-Bogen-II in Düsseldorf ist schon hinsichtlich ihrer Dimensionen ein Extrembeispiel.

 

Begrünung an jeweilige Umstände anpassen

Bei der Planung und Umsetzung grüner Oasen spielen also viele Faktoren eine Rolle, zu den wichtigeren gehört die Beschaffenheit der jeweiligen Umgebung.

Grüne Fassade des Kö-Bogens II in Düsseldorf mit Hainbuchen
 

Pauschale Lösungen gibt es deshalb nicht – aber vielfältige Optionen, von flexibel einsetzbaren Pflanzkübeln über intelligente Systeme für eine einfache Wurzelraumversorgung bis hin zur weitreichenden Umgestaltung öffentlicher Flächen zu naturnahen Erholungsorten.

Das ist vielfach mit einfachen Mitteln möglich. So gehen Städte und Gemeinden inzwischen mehr und mehr dazu über, Grünflächen an Straßen und auf Verkehrsinseln zu artenreichen Wiesen umgestaltet. Einheimische, mehrjährige Pflanzen erlauben dabei eine große gestalterische Vielfalt – bei weniger intensivem Pflegeaufwand.

 

Grüne Wege

Ein wesentlicher Aspekt beim Thema urbanes Grün ist die Erreichbarkeit. Die entspannende Wirkung steht in vielen Städten den Wegen zu den Grünflächen entgegen: Viel befahrene Straßen, schlechte Zugangsbedingungen für bewegungseingeschränkte Menschen oder fehlende Fahrradwege können das positive Erlebnis grüner Freiflächen schmälern.

 

Verbesserungen lassen sich in dieser Hinsicht auf unterschiedliche Weise erreichen:

  • Etwa durch barrierearme Wege, die schnelle und einfache Verbindungen zu den Grünflächen ermöglichen. Sie tragen außerdem dazu bei, städtische Grünanlagen insgesamt besser zu vernetzen.

In Hamburg beispielsweise wurden solche Wege durch das Konzept „Freiraum und Mobilität für ältere Menschen in Hamburg“ gezielt gefördert. So sollte Senioren der Zugang zu wohnungsnah vorhandenen Grünanlagen erleichtert werden. Besser überschaubare Anlagen für das Sicherheitsgefühl, der Abbau von Hindernissen und Gestaltungselemente für Bewegung, Kommunikation und Erholung kommen dabei nicht nur den Älteren zugute.

  • Grüne „Begleiträume“, wie sie vom Ministerium für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr von NRW im Leitfaden für Urbanes Grün bezeichnet werden sind ebenfalls eine mögliche Lösung. Sie bringen Vielfalt in die Quartiere und können mit Hilfe standortgerechter Bepflanzung umgesetzt werden. In stark verdichteten Vierteln lässt sich das etwa durch den Einsatz von Pflanzkübeln verwirklichen, wenn andere Möglichkeiten der Bepflanzung fehlen.

 

Im sauerländischen Menden entsteht unter ähnlichen Prämissen der „Grüne Weg“ entlang der Hönne, der den Uferstreifen attraktiver machen. Der Weg soll gleichzeitig Zugang zu Parkanlagen, Spielplätzen und Spazierwegen ermöglichen – und bestehende Grünanlagen der Stadt miteinander verbinden.

 

In Offenbach sollen begrünte Straßenanlagen ebenfalls dabei helfen, einzelne Parkanlagen um die Innenstadt herum zu einem grünen Ringnetz um die Innenstadt zusammenzuschließen. Dabei werden auch Verkehrs- und Wohnanlagen eingebunden.

 

In vielen Städten sind beide Aspekte unter dem Konzept der „Schönen Wege“ zusammengefasst. Das bedeutet, dass schon die Alltagswege so gestaltet sind, dass nicht erst an deren Ende die Schönheit des urbanen Grüns wartet. Barrierefreiheit, ausreichende Beleuchtung, das Schaffen von Grün- und Aufenthaltsräumen entlang der Wege werten ein gesamtes Stadtquartier auf.

Wohnanlage mit üppigen Grünflächen

 

Die grüne Oase mitgestalten

Lebendiges Stadtgrün bedeutet nicht allein, dass es Bäumen und Pflanzen gut geht und sie bestmöglich gedeihen. „Lebendig“ heißt in diesem Kontext immer auch aktives Nutzen und Mitgestalten.

 

Dafür gibt es verschiedene Ansätze:

 

  • Die Teilhabe an den Planungsprozessen für Grünflächen hilft beispielsweise dabei, zielgerichtete Maßnahmen zu ergreifen, die wirklich die Bedürfnisse der Menschen erfassen.
  • Stadtgrün zum Selbermachen lässt sich in unterschiedlicher Weise umsetzen. „Urban Gardening“ und Gemeinschaftsgärten im öffentlichen Raum sind dabei nur eine Form. Patenschaften für Beete und Baumscheiben sind eine andere Möglichkeit, um Menschen aktiv in die Gestaltung der gewünschten urbanen Oase einzubeziehen.

 

Der Vorteil einer solchen Herangehensweise: Lebendiges Grün lässt sich so selbst mit wenig Platz realisieren und das im unmittelbaren Wohn- und Arbeitsumfeld. Denn die grüne Oase in der Stadt muss nicht immer eine ausgedehnte Parklandschaft sein. Sie beginnt mit kleinen Veränderungen, die trotzdem einen sicht- und spürbaren Unterschied machen.

 

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