Was keiner sieht: Der Wurzelschutz der Stadtbäume

Wurzeln sind die wichtigsten Lebensadern eines jeden Baumes. Jedoch ist der urbane Raum aus diversen Gründen kein sonderlich wurzelfreundlicher Ort. Tatsächlich kann er sogar dafür sorgen, dass Wurzeln sich selbst schädigen. Dem Wurzelschutz muss deshalb eine große Priorität beigemessen werden.

 

Ein buchstäblich hartes Pflaster für das Wurzelwerk

In der unmittelbaren Umgebung von Stadtbäumen fallen häufig starke Unebenheiten im Untergrund auf – ein sicheres Anzeichen dafür, dass die Wurzeln der Bäume im Untergrund keine optimalen Verhältnisse vorfinden. Auf der Suche nach Wasser und Nährstoffen weichen die Wurzelsysteme bisweilen in Richtung Oberfläche aus und verschieben dabei beispielsweise Gehweg-Verbundpflaster oder durchstoßen die Asphaltdecke.

 

Unter solchen Bedingungen entsteht in der Folge ein unvorteilhafter Kreislauf: Wächst die Wurzel nämlich in ihrem Durchmesser und stößt so stärker an die Wegoberfläche, nimmt die Druckbelastung immer weiter zu. Um die derart belastete Wurzel zu stärken und zu schützen, bildet der Baum eine Wurzelknolle aus. Dadurch steigt jedoch lediglich der Druck weiter an.

 

 

Querschnitt einer Jungpflanze und ihres Wurzelsystems

Der oftmals fehlende Platz für die Ausbreitung der Wurzeln ist jedoch nur ein Problem für Stadtbäume.

 

  • Bodenverdichtung: Der Untergrund ist sowohl in der Fläche als auch in der Tiefe weitgehend verdichtet, um die städtische Bebauung und Infrastruktur zu tragen. Allerdings hemmt diese Bodenverdichtung das Wurzelwachstum oder lenkt es in falsche Richtungen.  
  • Tiefbauarbeiten: Tiefbauarbeiten sind für die Versorgungsinfrastruktur der Städte unerlässlich. Besteht kein ausreichender Schutz für den Wurzelbereich von Bäumen, kann es leicht zu Verletzungen des Wurzelsystems kommen – die im schlimmsten Fall zum Absterben des Baumes führen.
  • Baumscheiben: Für Stadtbäume sind Baumscheiben überlebenswichtig. Denn diese Bereiche sollen die Versorgung mit Wasser, Nährstoffen und Sauerstoff gewährleisten. Häufig sind diese Baumscheiben jedoch nicht geschützt. Sie werden von Fußgängern betreten, vom Rad- und Autoverkehr befahren, für das Abstellen von schweren Lasten oder als Hundetoilette genutzt – zum Nachteil des Baums und seiner Wurzeln

 

Eine Lösung für diese Problematik muss sowohl den Notwendigkeiten der städtischen Versorgung als auch den Bedürfnissen der Bäume Rechnung tragen. Bei Neupflanzungen lässt sich ein wirkungsvoller Wurzelschutz von Anfang an integrieren. Die Stadtbäume erhalten so die Möglichkeit, ein gesundes Wurzelsystem zu entwickeln.

Schwieriger sind die Voraussetzungen bei Bestandsbäumen. Doch auch in solchen Fällen lassen sich nachträglich noch Wurzelschutzmaßnahmen umsetzen. So wurden etwa bei der Erneuerung des Hochwasserschutzes in Trier erfolgreich Wurzelschutz-Brücken eingesetzt, um so weit wie möglich den Baumbestand zu erhalten.

 

Vorgaben und Standardwerke als Basis für effektiven Wurzelschutz

Der Wurzelschutz hat eine stark technische Komponente. Um seine Wirkung und Anwendung zu gewährleisten, wurden entsprechende Richtlinien und Vorgaben ausgearbeitet. Vor allem drei Regelwerke sind etwa für die Umsetzung des Wurzelschutzes bei Neupflanzungen relevant:

 

  • Die Richtlinie für die Anlage von Straßen (RAS-LP 4) befasst sich mit dem Schutz der Baumwurzeln bei Baumaßnahmen.
  • In der DIN 18920 sind ebenfalls Vorgaben enthalten, um den Schutz der Vegetation bei Baumaßnahmen zu garantieren.
  • Die Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e.V. hat sich in dem Merkblatt DWA-M 162 speziell mit dem Zusammenspiel von Wurzeln und unterirdischen Versorgungssystemen auseinandergesetzt.

 

Grabarbeiten und ihre Gefahr für Wurzelwerk

 

Darüber hinaus hat die Qualitätsgemeinschaft Baumpflege und Baumsanierung e.V. (QBB) mit „Wurzelschutz von Straßenbäumen“ wichtige Handlungsempfehlungen veröffentlicht.

 

Die Formel für den Schutz des Wurzel-Kernbereichs

Wie stark Baumwurzeln belastet werden, unterscheidet sich erheblich durch den jeweiligen Abstand zum Stamm. Dabei gilt: Je dichter am Stamm, desto weniger sollten die Wurzeln dort Störungen und Belastungen erfahren.

 

Dafür gilt eine simple Rechenformel:

Kronendurchmesser (m) + 1,6 m (Radius) = Schutzbereich

 

In diesem Bereich sollten möglichst niemals schwere Belastungen von oben erfolgen und hochmechanisierte Tiefbauarbeiten erfolgen. Das verhindert Wurzelschäden nicht gänzlich, hilft aber sehr gut dabei, die besonders relevanten Kernwurzeln vor Schaden zu bewahren.

 

Wurzelbrücken zum Schutz des Kernbereichs einsetzen

Vielerorts wird nach wie vor Wurzelschutz in einer Form praktiziert, die sich auf einen ausreichenden Abstand insbesondere zu schwerbefahrenen Straßen und Parkbereichen sowie auf eine offenerdige, niedrigbewachsene Baumscheibe beschränkt. Allerdings ist dies kein optimales Vorgehen:

 

  • Je größer der Baum wird, desto dicker werden seine Wurzeln im Kernbereich. Dadurch werden sie mit den Jahren immer empfindlicher Belastungen, die dort auftreten.
  • Offene Baumscheiben werden im Alltag häufig nicht beachtet und daher unzweckmäßig genutzt. Die dadurch entstehende Verdichtung des Bodens schadet den Wurzeln. Ein weiteres Problem ist, dass eine offen geplante Baumscheibe dazu verlockt, den Baum beim Anpflanzen weniger tief zu setzen, als es in späteren Jahren mit deutlich verdickten Wurzeln dienlich wäre. Hier gilt prinzipiell, dass jeder einzelne Zentimeter mehr oder weniger den Unterschied ausmachen kann.

 

Als sehr effektives Mittel haben sich Wurzelschutz-Brücken erwiesen, insbesondere bei Bestandsbäumen. Diese Brücken aus hochfesten Materialien fassen den mittelbaren Wurzelbereich ein und übernehmen dabei zwei wichtige Funktionen:

 

  • Einerseits nehmen sie dadurch Lasten von oben auf und leiten sie kontrolliert in den Untergrund ab, sodass sie nicht direkt auf die Wurzeln wirken.
  • Andererseits sorgen die Wurzelschutz-Brücken dafür, dass im Durchmesser wachsende Wurzeln in diesem Bereich keine Anhebung des Belags verursachen. Damit entfällt auch die oben beschriebene Ausbildung von Wurzelknollen sowie die daraus resultierenden weiteren Anhebungen des Untergrunds.

 

Abgesehen davon garantieren die Wurzelschutzbrücken durch ihre stark durchbrochene Oberfläche, dass in diesem Bereich die Erde nicht verdichtet werden kann.

 

 

Wurzelschutzbrücke Radix von Humberg im Detail

 

Gezielte Lenkung des Wurzelwachstums

Schäden an und durch Wurzeln entstehen häufig deshalb, weil sie um den Platz im Boden mit der städtischen Versorgungsinfrastruktur konkurrieren. Kabelschächte oder Versorgungsleitungen beanspruchen hier ebenfalls den verfügbaren Raum. In ungünstigen Konstellationen stören sich Leitungen und Wurzeln gegenseitig.

 

Prinzipiell lässt sich auch in solchen Fällen nachträglich gegensteuern. Allerdings besteht dann immer das Risiko, die Wurzeln – und damit den Baum – ernsthaft zu beschädigen. Empfehlenswert ist deshalb, schon bei der Pflanzung derartigen Gefahren vorzubeugen. Möglich wird das durch Vorkehrungen für ein gezieltes Wachstum der Wurzeln. Auf diese Weise erreichen sie erst gar keine potenziell kritischen Regionen im Untergrund – und müssen deshalb nicht verlegt werden.

 

 

Schadpotenzial Baumwurzeln und Stadt-Infrastruktur

 

Dazu stehen zwei sehr wirksame Methoden zur Verfügung:

  • Auf der dem Baum zugewandten Seite der unterirdischen Infrastruktur werden Gräben angelegt, die mit einem groben, von vielen Poren durchzogenen Material befüllt werden. Die Infrastruktur selbst wird dagegen feiner verfüllt und sehr stark verdichtet. Be- und Entlüftungen sowie Bewässerungszugänge bieten in den Wurzelgräben ideale Bedingungen für das Wurzelwachstum und die Versorgung des Baums.
  • Unterirdische Barrieren – etwa Metallummantelungen oder Betonplatten – trennen den Wurzelbereich von städtischen Versorgungsleitungen. Sie hindern die Wurzeln an der Ausbreitung und zwingen den Baum, sich in andere Regionen im Boden zu orientieren.

 

Schulungen für einen besseren Umgang mit Wurzeln bei Baumaßnahmen

 

Vor allem umfangreiche Eingriffe in die Infrastruktur stellen für Bäume und ihre Wurzeln immer noch ein großes Risiko dar. Ungenügende Vorkehrungen für den Wurzelschutz bei älteren Bestandsbäumen oder Zeitdruck bei den durchzuführenden Arbeiten führen leicht dazu, dass Wurzeln empfindlich beschädigt werden.

 

Empfehlenswert wäre daher, bei Bauarbeiten im Bereich von Bäumen größte Vorsicht walten zu lassen und entsprechende Verhaltensregeln vorzugeben. Die wichtigsten Maßnahmen in diesem Zusammenhang wären:

 

 

Durch Wurzeln beschädigte Wasserleitung

  • der vorsichtige Einsatz von schwerem Gerät, am besten unter Verzicht auf Baggerarbeiten im sensiblen Kronenbereich;
  • das behutsame Freilegen einzelner Wurzeln per Hand oder durch Absauggeräte;
  • die unmittelbare Behandlung aller Wurzelverletzungen mit versiegelnden, heilungsfördernden Mitteln sowie das Umwickeln der ganzen Wurzel mit Juteband (als Schutz vor einem möglichen Austrocknen);
  • ein zügiges Arbeiten und ein Verfüllen, das den Wurzeln möglichst wenig Stress verursacht.

 

Das QBB stellt für diese Zwecke sogar ein Wurzelprotokoll zur Verfügung, mit dem sich eventuelle Schäden problemlos dokumentieren lassen. Dadurch wird außerdem das Verhalten des Baumes im Anschluss an die Bauarbeiten besser nachvollziehbar – ein wichtiges Hilfsmittel, um geeignete pflegerische Maßnahmen zu ergreifen. und somit das weitere Verhalten des Baumes besser nachvollziehbar zu machen.

Um Stadtbäume und ihre Wurzeln langfristig besser zu schützen, gehören klare Vorgaben für Bauarbeiten im unmittelbaren Umfeld der Pflanzen unbedingt dazu. Die Schwierigkeit liegt allerdings in der praktischen Umsetzung.

 

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